Vor einigen Wochen entflammte die Debatte über Antisemitismus in Deutschland und Europa erneut. Der Auslöser kam diesmal aus einer ungewöhnlichen Quelle: ein noch nicht ausgestrahlter Film über Antisemitismus in Europa, in Auftrag gegeben von den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR und ARTE, dessen Inhalt und Darstellung schon lange vor der Ausstrahlung einen politischen Streit entfachten.
Warum diese Debatte von Bedeutung ist
Antisemitismus ist keine gewöhnliche politische Kontroverse – es geht um historische Verantwortung, besonders in Deutschland. Jede ernsthafte Auseinandersetzung muss sorgfältig unterscheiden: Kritik an der israelischen Regierungspolitik ist kein Antisemitismus; die Leugnung des Existenzrechts Israels oder des jüdischen kollektiven Lebens hingegen schon. Wo diese Unterscheidung verschwimmt, nützt die Debatte allen außer ihrem eigentlichen Zweck.
Die Affäre um den Film offenbart ein doppeltes Versagen: Medienhäuser, die sensible Produktionen in Auftrag geben, diese aber nicht transparent kommunizieren können, und politische Akteure, die jeden Vorfall als Munition in einem dauerhaften Kulturkampf instrumentalisieren. Beide Entwicklungen schaden dem, was der Kampf gegen Antisemitismus am dringendsten benötigt – Glaubwürdigkeit.
Jüdisches Leben als Maßstab
Der wahre Maßstab ist die alltägliche Realität jüdischen Lebens in Europa: Sicherheit an Schulen und Synagogen, Hass im Internet, aber auch die selbstverständliche Präsenz jüdischer Gemeinschaften im öffentlichen Raum. Antisemitismus zu bekämpfen bedeutet, dieses Leben zu schützen – nicht nur in redaktionellen Auseinandersetzungen Punkte zu sammeln.
Eine Gesellschaft, die ihre historische Verantwortung ernst nimmt, muss zwei Gedanken zugleich fassen können: den bedingungslosen Schutz jüdischen Lebens und eine nüchterne, analytische Sicht auf den Nahostkonflikt, die nicht jeden Kritiker israelischer Politik des Antisemitismus verdächtigt und Antisemiten nicht erlaubt, sich hinter politischer Kritik zu verstecken. Nur diese doppelte Klarheit bewahrt die Debatte in der Würde ihres Themas.





