In den letzten Tagen wurde viel gesprochen über die Möglichkeit eines westlichen Militäreingriffs in Syrien mit Hilfe regionaler Mächte. Der Vorwand, aus dem dieses Gerede einen Ausgangspunkt nimmt und der die kommende Militärschlag begründet, sind die barbarischen, verbrecherischen, abscheulichen Angriffe mit Chemiewaffen, die vor Tagen im Umland Damaskus stattfanden und Hunderte von Unschuldigen zum Opfer fielen. Bevor ich den Vorfall und die Reaktionen darauf von den verschiedenen Seiten einer Prüfung unterziehe, muss ich bekräftigen, dass – bis zum Verfassen dieser Zeilen – keine der Konfliktparteien bewiesene Argumente zur Verurteilung der anderen Partei und zur Auferlegung der Verantwortung für die verbrecherische Tat vorgebracht hat. Alle sprechen über Beweise und Nachweise in ihrem Besitz, aber der eindeutige augenscheinliche Beweis wurde bis jetzt den Medien nicht vorgelegt. Seltsam an der Sache ist, dass die Feinde des Regimes und ihre Unterstützer aus westlichen Mächten und regionalen Regierungen seit den ersten Minuten nach Veröffentlichung der Nachricht über die schändliche Tat darauf beharrten zu betonen, dass das syrische Regime und seine Armee derjenige sind, der den Chemiewaffenangriff durchgeführt hat, und dass die Strafe ein direkter militärischer Eingriff der westlichen Mächte sein muss. Nach meiner Auffassung ist – unabhängig davon, ob es Beweise gibt, die das Regime belasten oder nicht – ein militärischer Schlag gegen Syrien, aller Wahrscheinlichkeit nach nur aus der Luft und mit seegestützten Raketen, im Kommen, und die Möglichkeiten, ihm zu begegnen, nehmen von Stunde zu Stunde ab. Dieses Szenario, das wir seit Tagen verfolgen, kam nicht aus dem Nichts, es ist seit Langem durchdacht und geplant. Die Erklärungen einiger westlicher Politiker, die Verbissen auf einen Militärschlag hinarbeiten, sogar bevor das Expertenteam der Vereinten Nationen mit der Untersuchung des Vorfalls begann, bestätigen, dass diese aus ihren vergangenen Fehlern nicht gelernt haben, als sie sich in den nichtigen Krieg gegen den Irak hineintreiben ließen, und sie sind erneut bereit zu Tötung und Zerstörung ohne Verurteilung. Diese sind auch bereit, ihre Prinzipien der Gerechtigkeit der Justiz mutwillig mit Füßen zu treten, die besagen, dass der Angeklagte unschuldig ist, bis seine Schuld bewiesen ist!
Und es ist recht, eine klare Frage zu stellen: Der Fürst der Sprechblasen, Obama, sagte, der Einsatz chemischer Waffen sei eine rote Linie! Moralisch gibt es an einer solchen Haltung keinen Makel, aber warum nur die Drohung gegen das Regime? Und was, so glaubt man, wenn die UN-Experten beweisen, dass die Feinde des Regimes diejenigen sind, die die Chemiewaffe eingesetzt haben? Wird Obama seine Luftwaffe schicken, um die al-Nusra-Front und ihre Anhänger zu bombardieren? Oder wird die Seite bestraft werden, die sie mit den Chemikalien versorgt hat? Ohne mit dem Marketing von Verschwörungstheorien zu beginnen, die unsere Medien und Gedanken im Osten füllen: Es ist für alle klar geworden, dass hinter all diesem Aufruhr ein vollständiger Plan zum Aufbau eines neuen Nahen Ostens nach amerikanischem Maß steckt, und die Beschleunigung zur Verwirklichung dieses Plans nahm nach dem kläglichen Scheitern der Muslimbruderschaft in Ägypten und Tunesien zu. Und eine der Grundpfeiler dieses Plans ist das Brechen des schiitischen Halbmonds unter der Führung Irans, der sich von Pakistan bis in den Libanon erstreckt. Und alle wissen, dass das Regime in Syrien und die Hisbollah im Libanon das Rückgrat dieses Halbmonds sind, das sowohl Israel als auch die wahhabitischen Regierungen und Amerika als eine Gefahr für ihre Interessen im Nahen Osten betrachten. Der militärische Schlag gegen Syrien wird auch ein Schlag gegen den Iran und die Hisbollah gleichermaßen sein. Ein militärischer Schlag gegen das Regime wird ein wenig das Gleichgewicht auf der syrischen Bühne wiederherstellen, nachdem das Regime wichtige Siege am Boden verzeichnet und seine Feinde aus wesentlichen Stellungen vertrieben hat. Und er ist auch eine Rettung für die sich beschleunigende Zersplitterung der Front der Feinde des Regimes, die in den letzten Monaten die weit auseinanderliegenden Ziele, Absichten und Pläne jedes ihrer Teile offenbart hat. Und er ist ohne Zweifel ein Versuch der Unterstützer der Feinde des Regimes, die Kritik zu ersticken, die ihnen von allen Seiten entgegenschlägt, dass sie die Bewaffneten mit hochentwickelten Waffen versorgen, während sie sicher sind, dass die al-Nusra-Front, die öffentlich der Al-Qaida Treue geschworen hat, und die anderen dschihadistischen Bewegungen die größten Nutznießer der Waffen des Westens sind. Der Militäreingriff in Syrien wird die Karten vor dem Gang nach Genf erneut durcheinanderwürfeln. Und das wird, was ihn betrifft, ohne jeden Zweifel die saudische Mission erleichtern, die syrische Akte vor Ende des Jahres abzuschließen, wie Prinz Bandir seinen Verbündeten bei seinen Shuttle-Besuchen vor Wochen in den westlichen Hauptstädten gelobt hat. Der Militäreingriff in die syrischen Angelegenheiten dient auch den Interessen regionaler Mächte, Verbündeter des Westens und Grundpfeilern des neuen Nahen Ostens. Die Türkei zum Beispiel ist in letzter Zeit politisch ins Straucheln gekommen und ist fast isoliert, nachdem sich ihre Beziehungen zu Ägypten, zum Iran, zur Europäischen Union, zu Israel und zu den Vereinigten Staaten verschlechtert haben. Und sie sucht für sich einen Ausweg für die Rückkehr auf die regionale und weltpolitische Bühne, da sie weiß, dass die wirtschaftliche Lage der Türkei mit der Qualität ihrer äußeren politischen Beziehungen verknüpft ist. Ihre militärische Teilnahme an der Seite des Westens gegen Syrien öffnet ihr die Türen zur Entspannung der Atmosphäre mit dem Westen, wenigstens. Und zu ihrer Rückkehr auf die politische Bühne. Saudi-Arabien, das alles daransetzt, den Westen in eine Militärkampagne gegen das syrische Regime zu ziehen, ist sich bewusst, dass die Abwesenheit der anderen regionalen Mächte – Ägypten, Türkei, Irak und Iran – ihr den Raum öffnet, zur Rückkehr zur Ausübung der Grundrolle im Nahen Osten, und ihr eine führende Rolle bei der Ordnung der Region nach der Krise garantiert, eine Rolle, die andere Länder der Region über lange Jahre verkörpert haben. Der einzige Verlierer in diesem Spiel ist das altehrwürdige syrische Volk, das den hohen Preis für die Abenteuer und Fehler mancher Politiker zahlen wird. Der einzige Gewinner sind die reaktionären salafistischen Kräfte und ihre Anhänger in der Region, denn sie werden an Kraft und Selbstgewissheit zunehmen, und die meisten von ihnen werden ihre Reise fortsetzen, die sie in Afghanistan begannen, über den Irak nach Syrien. Und es bleibt die Frage nach der nächsten Station dieser Leute, die sich selbst zu Gottes Vertreter auf Erden ernannt haben?
* Direktor des Instituts für strategische Studien des Nahen Ostens – Hannover/Deutschland





