Zu Beginn der arabischen Aufstände in Tunesien und Ägypten zeigten die rebellierenden Massen ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk. Die jungen Tunesier und Ägypter forderten nicht nur den Sturz der arabischen Despoten – sie bekundeten ihre Solidarität mit den Palästinensern demonstrativ, indem sie auf den Plätzen von Tunis und Kairo Parolen skandierten.

Der Moment der Hoffnung

Für die Palästinenser war dies ein Moment ambivalenter Hoffnung. Einerseits bewiesen die Aufstände, dass arabische Gesellschaften sich gegen Unterdrückung erheben können – und rückten die Palästinafrage emotional wieder ins Zentrum der Region, von dem sie die Ära des Friedensprozesses verdrängt hatte. Andererseits hatten die neuen Akteure kein Programm für Palästina: Ihre Revolutionen drehten sich um Brot, Freiheit und Würde im eigenen Land.

Die alte Garde reagierte schnell. Wer sich zu Hause bedroht fühlt, sucht Ablenkung im Ausland – und die Palästinafrage diente erneut als Legitimitätsreserve für Regime, die ihrem Volk sonst wenig boten. Solidarität auf den Straßen, Realpolitik in den Ministerien: Dieser Widerspruch prägte den gesamten Arabischen Frühling.

Was geblieben ist

Ein Jahrzehnt später fällt die Bilanz ernüchternd aus. Tunesien ist politisch erodiert, Ägypten kehrte zur Autokratie zurück, Syrien liegt in Trümmern, Libyen ist gespalten. Die Palästinafrage wurde von keiner der Revolutionen gelöst – doch sie ist auch nicht aus den Gesellschaften verschwunden. Sie lebt weiter in der enttäuschten, aber wachsamen Generation, die den Unterschied zwischen Parolen und Politik gelernt hat.

Die Lehre für die Palästinenser ist zugleich ernüchternd und befreiend: Sie können ihre Sache nicht an die Stimmung der Region auslagern. Solidarität ist willkommen – Strategie muss ihre eigene sein. Nur eine einheitliche, handlungsfähige palästinensische Vertretung kann die Sympathie der arabischen Straße in politisches Gewicht umwandeln.